Verhaltensauffällig in Kita und Schule

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Was ist noch normal? Geht es auch anders?

Wie gehen wir mit herausforderndem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen in unseren Kindertageseinrichtungen und Schulen um? Gibt es ein „normal anders sein“? Gelingt uns eine zutiefst wertschätzende Sicht auf Menschen mit differenzierter Wahrnehmung, als wir selbst haben?

Ist es möglich eine Haltung bei uns Lernbegleitern zu entwickeln, die auffälliges Verhalten nicht immer als Störung definiert, sondern auch auf die vorhandenen Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen der jungen Menschen blickt?

Ein auffälliges Verhalten ist zunächst ein Verhalten, das unsere Aufmerksamkeit erregt, da es von üblichen Normen abweicht. Wenn Kinder sich auffällig verhalten, empfinden Erwachsene oft ein Unbehagen. Insbesondere, wenn Kinder Wut oder Aggression zeigen. Fachkräfte und auch Eltern sind meist überfordert und ratlos. Sie empfinden große Frustration. Dies geschieht, weil wir aufgrund unserer eigenen Biografie, Vorerfahrungen, Erziehung, nicht immer in der Lage sind, die Botschaften und das gezeigte Verhalten vom Kind richtig zu deuten und einzuordnen.

Herausforderndes Verhalten ist ein Verhalten, das dazu führt, das sich andere unzulänglich oder hilflos fühlen. Herausforderndes Verhalten ist ein Hilferuf.

Bevor ein Kind Probleme macht, hat es welche. (Anja Cantzler)

 

Welche Methoden und Strategien erleichtern uns den pädagogischen Alltag mit den originellen, jungen Menschen?

Neben einer wertschätzenden, respektvoll-kreativen und menschenwürdigen Haltung der BildungsbegleiterInnen, gibt es Notfallstrategien und/oder schnelle Hilfen, die uns im pädagogischen Alltag unterstützen können:

  • Fidgets (Natur und käuflich erwerbbar…)
  • Wutmaterial/Wutraum zum (begleiteten!) Ausleben der Gefühle
  • „liebevolle Konsequenz“ der Fachkraft als Begleitung des Kindes/Jugendlichen
  • Gefühle anerkennen, benennen, wertschätzen und Lösungen anbieten, evtl. vor Eskalation

Wodurch unterscheidet sich ein Verhalten, das uns herausfordert, von einem, das wir als Normal empfinden? Was macht schwierige Situationen für uns aus? Was genau fordert mich als Fachkraft heraus und was löst dieses unerwünschte Verhalten vom Kind/Jugendlichen in mir aus?

 

Mögliche Entstehungsvermutungen von herausforderndem Verhalten

(ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

  • Reizüberflutung
  • Traumafolgestörung
  • Wahrnehmungsstörung oder ähnliches…
  • zu hohe Anforderungen, Überforderung
  • Mangelnde Selbstwirksamkeit
  • Bindungsstörungen
  • gestörter Wach-/Schlafrhythmus
  • fehlende Geborgenheit
  • etc.

Interessant sind die etwaigen Funktionen von auffälligem/herausforderndem Verhalten für Kinder und Jugendliche. Was „bezwecken“ sie mit ihrem Verhalten? Da unterscheiden wir zwischen internalisierendem Verhalten und externalisierendem Verhalten. Meist sind es die „lauten und aggressiven“ Kinder, die unsere Aufmerksamkeit und unser pädagogisches Handeln extrem fordern. Nicht zu übersehen sind auch die „ruhigen und zurückgezogenen“ Kinder, die oft in Kindertageseinrichtungen als Mitläufer benannt sind und deswegen – weil unkompliziert – in Gruppendynamiken sehr angesehen. Wichtig ist, hinter jedem Verhalten steht ein Bedürfnis und das gilt es zu erkennen. Unterstützen kann ein systemischer Blick, kollegiale Beratung und unterschiedliche Sichtweisen zum Verhalten des Kindes.

 

Weitere Funktionen eines internalisierendem oder externalisierendem Verhaltens

  • Aufmerksamkeit beim Gegenüber/Gruppe zu wecken
  • Wiedergewinnung von Kontrolle
  • Kommunikation – „Sieht mich jemand?“
  • Jedes Verhalten hat einen Sinn oder „Hinter jedem Verhalten steht ein Bedürfnis“

„Verhaltensauffällig“ bedeutet nur, dass es jemanden gibt, dem einen bestimmtes Verhalten auffällt. Es sagt überhaupt nichts über das Verhalten selbst und noch weniger über denjenigen der sich verhält aus. Aber es sagt viel über den aus, dem das Verhalten auffällt. (Stefan Hiene)

Strafen bei nicht erwünschtem Verhalten entsprechen nicht mehr dem Stand der heutigen, zeitgemäßen Pädagogik und zeigen keine Wirkung. Was wir wissen: Durch Strafen nimmt das unerwünschte Verhalten ehr zu als ab. Es entsteht eine Machtspirale, aus der es oft schwer einen Ausweg gibt und das Wichtigste: Druck erzeugt immer Gegendruck und ist deshalb wenig wirksam.

 

Vier wertvolle Analyse-Fragen zur Reflexion bei herausforderndem Verhalten

  • Die Form: Wie sieht das Problemverhalten beim Kind/Jugendlichen aus? Kennt man den Ansatz (Trigger), kann man dem Problemverhalten zuvorkommen?
  • Die Frequenz: Wie häufig kommt es in bestimmten Situationen zu diesem Verhalten? In welchen Situationen? Mit welchen Personen?
  • Die Intensität: Mit wie viel Kraft wird das Verhalten ausgeführt?
  • Die Verbreitung: Wie sehr berührt das Problemverhalten das übrige Leben des Betroffenen?

Und wie bei fast allen pädagogischen Themen, die wir uns immer wieder vor Augen führen dürfen, ist es bei herausforderndem Verhalten nicht anders: Auf die Haltung kommt es an!

Nur, wenn wir auf Augenhöhe mit den Kindern, ihnen zugewandt, wertschätzend, ressourcen- und fähigkeitenorientiert zugewandt sind, werden wir mit diesen uns fordernden Kindern in Bezug und in Resonanz gehen können. Die Bedürfnisse der Kinder zu benennen, anzuerkennen und zu spiegeln gibt ihnen Sicherheit. „Hier ist jemand, der mich sieht, der mich hört.“

Eine systemische Sichtweise wird uns hinter das Verhalten der Kinder und Jugendliche blicken lassen und wichtige Hinweise auf unerfüllte Bedürfnisse bei den jungen Menschen geben.

Ein Lernbegleiter, der in seiner Haltung vermittelt, „Ich bin für dich da“, wird zur vertrauensvollen Bezugsperson für das Kind. Bin ich noch in Verbindung, in Resonanz mit dem jungen Menschen?

Neben der persönlichen Beziehung und dem wahren Interesse, das wir den Kindern und Jugendlichen schenken, um mit ihnen in Resonanz zu gehen, gibt es weitere Strategien und längerfristige Hilfen:

  • Funktionsräume öffnen (Garten, Gänge, Turnräume etc.)
  • Bildungsorte gestalten, Räume zum Wohlfühlen
  • Raum- und Materialangebot mit Aufforderungscharakter („Was sind die Themen der Kinder? Aus dem Erfahrungsgebiet der Kinder/Jugendlichen?“)
  • 1:1 Situationen ermöglichen, Bildungsbegleiter sein
  • Gruppen teilen
  • Keine Stühle (Sitzsäcke, Schaukelstühle, Gummis an Stühlen etc.)
  • Essensituationen reflektieren und anpassen

 

Präventiv partizipativ arbeiten

Teilhabe an allem, was mich betrifft. Wo im Kita Alltag haben die Kinder die Möglichkeit, partizipativ teilzuhaben an dem, was sie betrifft und SELBSTWIRKSAMKEIT zu spüren?

Dabei sollte es nicht ausreichen, wenn Kinder entscheiden, welches Lied im Morgenkreis gesungen wird oder einmal im Jahr abgestimmt wird, wohin der Ausflug geht. Nein! Partizipation meint, Teilhaben an allem, was mich betrifft. Von der Gestaltung des Tagesablaufs und des Raum- und Materialangebotes, bis hin zur Frage: „Machen Hausschuhe Sinn?“ Auch haben Kinder und Jugendliche zum Beispiel das Recht auf Mitsprache beim Essensangebot in ihren Kindertageseinrichtungen und Schulen.

Selbstwirksamkeit spüren wir, wenn unser Tun einen Sinn gibt, wenn wir sinnvolle Aufgaben für uns selbst, für die anderen oder die Gruppe finden. Wo ist meine intrinsische, selbstgewählte Motivation hier wichtig sein zu dürfen?

Um wen geht es in den Situationen im Umgang mit herausforderndem Verhalten? Es geht um die Kinder und Jugendlichen. Vielleicht sind wir als Lernbegleiter gefragt, die Kinder und Jugendlichen mehr teilhaben zu lassen, an dem was sie betrifft und was sie sich für ihren Alltag wünschen.

 

Lass dich nicht von den Rahmenbedingungen aufhalten

Die Rahmenbedingungen, die wir aktuell in Kindertageseinrichtungen, Schulen, Bildungsorten haben, entsprechen nicht dem, was wir uns wünschen und brauchen. Da sind wir uns alle einig. Es ist von fehlender Anerkennung für Fachkräfte über mangelnde Raum- und Materialausstattung alles gesagt. Besonders schwierig sind die Rahmenbedingungen für junge Menschen, die aus vielseitigen Gründen, Herausforderungen mit den „alten“ Systemen und Strukturen haben. Die Zeit und der Raum, Kompetenzen oder einfach die Motivation fehlen, um diese unerwünschten Verhaltensweisen fachlich, professionell zu begleiten.

Und trotzdem mein Apell: Die Kinder und Jugendlichen brauchen unsere Unterstützung und unsere wertschätzende Begleitung JETZT. Wir können und dürfen nicht warten, bis sich Strukturen und Rahmenbedingungen von oben verändern. NEIN, wir sind die Basis. Wir sind am Kind und an den Familien. Wir sind an den Bildungsorten und können dort im Kleinen, jedoch effektiv, selbstwirksam etwas für uns, die Kinder und Familien verändern.

Durch meinen Auftrag als Bildungsberatung komme ich in viele Einrichtungen, ja nennen wir sie Bildungsorte – und selbst ich bin immer wieder überrascht, was alles in kleinen Schritten möglich ist und welche Möglichkeiten sich die Einrichtungen gestalten.

Ich lade euch ein, werdet Teil der Lösung für wertschätzende Bildungsorte, Wohlfühlorte für Kinder, Familien und MitarbeiterInnen.

Solltet ihr euch dabei fachliche Begleitung wünschen, meldet euch bitte gerne. Ich komme in euer Team und wir reflektieren gemeinsam, wie wir euren pädagogischen Alltag für euch unter euren Rahmenbedingungen und Ressourcen gestalten können, um ein zufriedenes Arbeiten an einem Wohlfühlort zu ermöglichen.

Deine Bildungsexpertin

Annette Reisinger

 

Mehr zum Thema:

Warum ist auffälliges Verhalten auffällig?

 

Literatur:

Hehn-Oldiges, M. (2021). Wege aus der Verhaltensfalle: Pädagogisches Handeln in schwierigen Situationen. Beltz.

Lorenz, J. (2020). Anders ist eine Variation von richtig: PEP und Kunsttherapie bei Autismus. Carl-Auer.

Shanker, S. (2019). Das überreizte Kind: Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. Goldmann.

Wunderer, E. (2023). Nor-mal-anders: 105 Übungen und Impulse zu Normalitäten und Diversität. Beltz.

 

Filmtipp:

„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – Was ist Neurodiversität? – YouTube

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