Warum ist auffälliges Verhalten auffällig?

Veröffentlicht am

Katja Hoffmann

Immer häufiger werden Kinder als „auffällig“ , „störend“ oder zumindest als herausfordernd betrachtet. Gefühlt wird das Verhalten von Kindern im pädagogischen Alltag als immer belastender dargestellt und empfunden. Was ist aber auffälliges Verhalten?

Der Artikel beschreibt kurz unterschiedliche Gründe für diese Einschätzung und widmet sich dann einem Erklärungs- und Handlungsansatz, das dazu beitragen kann, Verhalten aus einer veränderten Perspektive zu betrachten und darauf einzugehen, sowie zu dauerhafter Erleichterung verhelfen könnte.

Warum empfinden wir Verhalten im pädagogischen Alltag immer häufiger als „auffallend“, herausfordernd oder belastend?

Dafür gibt es ganz sicher viele und teilweise sehr individuelle Gründe. Zum einen könnte es daran liegen, dass die Rahmenbedingungen, denen wir im pädagogischen Alltag begegnen sicher ihren Teil dazu beitragen. Im mindesten in dem Zusammenhang, dass sie unsere Grenzen der Belastbarkeit auf ein Maximum ausdehnen.

Ist unser Körper geflutet mit Stresshormonen, sind wir weniger belastbar und unsere Wahrnehmung von Verhaltensweisen wird schneller als „gefährlich“ eingestuft. Was dazu führt, dass wir Verhalten in gestressten Situationen automatisch als „auffällig“ und herausfordernd empfinden. In einem System, das uns in Dauerstress versetzt, ist eine solche Wahrnehmung also vorprogrammiert.

Eine weitere These könnte sein, dass immer mehr Kinder in ihrem nahen Umfeld lernen, ihre Ideen und Wünsche sowie Bedürfnisse zu benennen und erleben, dass ihnen bei der Bewältigung dieser geholfen wird. Diese Kinder können in Kita und Schule auf ein Umfeld treffen, dass so anders auf ihre Weltsicht und Erfahrungen reagiert, als sie es gewohnt sind. Das und eine deutliche Reaktion auf die „Andersbehandlung“ können Gründe sein, warum wir immer häufiger mit alten Strategien des pädagogisch geprägten Zusammenlebens nicht mehr weiter kommen.

Auf der anderen Seite könnte es daran liegen, dass tatsächlich immer mehr Kinder aus den verschiedensten Gründen Verhaltensweisen entwickelt haben, die nicht zielführend erscheinen, die sozusagen über „Umwege geleitet“ werden. Die häufigste Ursache dafür sind mangelhaft entwickelte Basissinne, die im Laufe der Entwicklung in allen Bereichen zu „fehlerhaften“ Verarbeitungsprozessen (einer mangelhaften Integration von Sinnesinformationen und daraus entstehender Handlungsstrategien) führen. Auch dafür gibt es wieder unzählige Gründe, die wir hier nicht näher besprechen wollen.


Doch was kann bei so vielen unterschiedlichen Ursachen hilfreich sein?

Als Mutter und Pädagogin ist eine Frage für mich immer wichtiger geworden: „Warum verhältst du dich so?“ Diese Frage hat meinen Blick auf Verhalten komplett verändert. Und sie hat automatisch zu weiteren Fragen geführt: Warum verhält sich ein Mensch auf diese eine bestimmte Art? Was steckt dahinter? Was will dieser Mensch mit seinem Verhalten ausdrücken? Welches Thema, welche Erinnerung o. ä. versucht er damit zu bewältigen?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch jederzeit nur danach strebt, ein möglichst gutes Leben zu führen. Und doch hat dieses Bestreben immer einen sehr individuellen Ausdruck, manchmal eben auch einen, der mir nicht sofort offensichtlich wird, oder den ich mit meiner Wahrnehmung und Weltsicht als nicht günstig beurteilen würde. In meinen Augen, ist das verstehen Können und verstehen Wollen eine unserer größten Auf-Gaben als Entwicklungsbegleitung.

Diese Herangehensweise bringt Verbindung, baut Beziehung auf und schafft Verständnis. Die Basis für gutes Zusammenleben, für die Ausreifung von (gesättigten) Persönlichkeiten und gelingender Kommunikation. „Warum verhältst du dich so?“ ist also eine Frage, die Interesse für das Erleben eines anderen Menschen äußert. Eine Frage, die mich nicht nur als Pädagogin davor schützen kann, in die Anklage und Bewertung zu fallen und das Verhalten eines Kindes zu verurteilen.

Ja sogar, mich davor schützen kann, dass ich mich davon negativ beeinflusst fühle, wütend werde, jemanden ablehne oder schlecht behandeln möchte. Natürlich benötigen wir dafür einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz, um Verhalten erkennen und auch einordnen zu können. Doch mehr noch brauchen wir eine persönliche Einstellung, die uns erlaubt offen zu bleiben. Die nicht im Affekt (Gefühl/ Emotion) stecken bleibt, sondern den Wunsch hat, zu verstehen und zu begleiten.


Wie sieht diese Einstellung aus?

Dafür brauchen wir die tiefe Überzeugung, dass hinter jedem Verhalten ein Bild der individuellen Wahrnehmung (-sverarbeitung) und ein Bedürfnis stehen. Wir nehmen andauernd, so zu sagen rund um die Uhr, wahr und werden von unseren Bedürfnissen gesteuert. Und obwohl wir alle wahrnehmen und grundsätzlich die selben Bedürfnisse haben, sind unsere Strategien, wie wir versuchen damit umzugehen, so vielfältig, wie wir Menschen selbst.

Manche Bewältigungsstrategien erscheinen uns sofort legitim und verständlich. Einige fordern uns heraus, lassen uns ohnmächtig fühlen und erklären sich einfach nicht von selbst. Manche sind gesellschaftlich angepasst und manche fallen uns aus genau dieser Unangepasstheit negativ auf. Natürlich gibt es auch eine nicht zu verschweigende Vielzahl an echten „Störungsbildern“, wenn es um (kindliches) Verhalten geht. Und dennoch ist es für den ersten Kontakt und das Zusammenleben nicht immer günstig nur darauf zu schauen und „unangepasstes und auffälliges“ Verhalten allein über den Krankheitswert zu definieren. Es ist und bleibt der Ausdruck von innerem Erleben und dem Wunsch, die andauernden Bedürfnislagen (und im Fall von Störungsbildern auch oft dem großen Mangelerleben) irgendwie zu erfüllen.

Verstehen wir also jegliches Verhalten als Ausdruck und Bewältigungsstrategie von Bedürfnislagen, dann kann Verstehen und Begleiten seine wahre Kraft entfalten. Dann können wir das Verhalten von Kindern, Jugendlichen, Eltern und Kolleg:innen und von uns selbst verstehen lernen. Als Ausdruck ihres Welterlebens und ihrer Bedürfnisse.

Wir können vom Verstehen zum Verständnis und zur Begleitung kommen. Damit Verhalten nicht länger „auffällig“ bleiben muss. Und wir nicht immer wieder Ohnmachtserfahrungen erleben müssen. Wir können gemeinsam Wege finden, um Bedürfnissen auf eine Art auszudrücken und zu befriedigen, die zielführend, weniger destruktiv und für alle Beteiligten leichter im Umgang machen. Das ist unsere wahre Auf-Gabe, zu der wir Menschen grundsätzlich fähig sind.

Eine Gabe, die uns von Natur aus möglich macht, uns in andere hineinzuversetzen und gelingend auf die Gemeinschaft einwirken zu wollen. Eine Gabe, die friedvollen Umgang begünstigt und geübt werden will. Wenn wir verstehen, dass die Selbst- und Fremdregulation von Bedürfnislagen und damit einhergehenden Emotionen und Gedanken, sowie Überzeugungen die Grundlage für eine gesunde Entwicklung und eine gesättigte Persönlichkeit sind, die ganzheitlich und gesund im Individuum und für die Gemeinschaft wirkt, dann wird es uns leicht fallen, diese innere Haltung zu üben. Auch und vor allem entgegen unserer eigenen, leider häufig von Nichterfüllen und Unverständnis geprägten Entwicklung.


Und was bedeutet das nun für die Praxis?

Wie wird sich deine Wahrnehmung von Verhalten ändern, wenn du davon überzeugt bist, dass jeder Mensch seine eigene Art hat, die Welt wahrzunehmen und mit seinen Bedürfnissen umzugehen? In welcher Weise wird sich dein Blick verändern, wenn du weißt, dass ein Bedürfnis befriedigt werden möchte und dann „Ruhe gibt“ und du dabei helfen könntest?

Wie viel leichter könnte dein Alltag gelingen, wenn deine eigenen Bedürfnisse nach Ruhe, Anerkennung, Sicherheit, Kontrolle und Orientierung befriedigt werden könnten, parallel zu denen der Kinder? Was, wenn ich dir sage, dass eine Gruppe, in der Bedürfnisse und die unterschiedliche Art die Welt zu sehen und zu verstehen, wichtig sind, eine entspannte und harmonische Gruppe sein kann? In der es wieder weniger „Störungsbilder“ gibt, die dich an deine Grenzen bringen.


Eine kurze Übung:

Stell dir ein Kind deiner Gruppe oder Klasse vor und versuche deine Bewertungen über sein Verhalten kurz beiseite zu stellen. Stell dir eine ganz bestimmte Situation vor, in der das Kind auf eine Art reagiert, wie du es als herausfordernd betrachten würdest. Was möchte dieses Kind dir sagen? Was braucht es gerade? Sucht es Verbindung? Sicherheit? Hat es vielleicht das Gefühl nicht wichtig zu sein und möchte gesehen werden? Braucht es Hilfe und Schutz? Welches Bedürfnis versteckt sich dahinter?

Kannst du es erkennen? Bist du in der Lage, es in seiner Strategie sehen? Kannst du es in seiner Bewältigung co-regulieren und helfen das Bedürfnis zu befriedigen? Erst dann ist es sinnvoll herauszufinden, warum es diese spezielle Strategie entwickelt hat. Wie es die Welt wahrnimmt und verarbeitet. Ob es Probleme gibt. Erst dann, wenn das Bedürfnis aufgefangen und erkannt ist. Denn dann tritt Entspannung ein. Für das Kind und für dich. Du reagierst nicht „kopflos“ oder ohnmächtig und das Kind ebenfalls nicht.

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Deine Bildungsexpertin

Katja Hoffmann


Literatur:

Pfluger-Jakob, M. (2007). Kinder mit Wahrnehmungsstörungen erkennen, verstehen, fördern. Herder.

Pfreundner, M. (2015). Auffälliges Verhalten von Kindern aus systemischer Sicht: Kindergarten heute – Wissen kompakt. Herder.

Schmitz, S. (2018). Kindliche Bedürfnisse als Mittelpunkt der Kita-Pädagogik. Don Bosco.

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