Wenn Kinder sich zurückziehen: Die leise Kraft der Selbstregulation
Rückzugsorte ermöglichen uns Räume, in denen wir uns von der Außenwelt abgrenzen wollen. In meinem Unterricht als Tanzpädagogin erlebe ich, wie Kinder versuchen, sowohl ein Teil der Gruppe zu sein, als auch ‚ihren eigenen Kopf durchsetzen‘ zu wollen. Für mich ist dies manchmal ein großer Spagat. Besonders im Bewegungs- und Tanzkontext wird deutlich, wie eng äußere Aktivität und innere Ruhe miteinander verwoben sind. Doch was passiert, wenn Kinder sich aus einer Aktivität herausnehmen – scheinbar unbeteiligt, und doch ganz bei sich sind? Und wie können wir als Pädagog*innen diese Momente verstehen und begleiten?
Jeden Dienstagmorgen bewege ich mich mit einer Gruppe von acht bis zwölf Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren in einer Kindertageseinrichtung. Wir tanzen, lauschen, spüren und entdecken Bewegung als Sprache des Körpers.
Bevor wir beginnen, lade ich die Kinder ein, kurz in sich hineinzuhorchen und selbst zu entscheiden, ob sie an diesem Tag mittanzen möchten. Dieses Ritual stärkt ihre Selbstwahrnehmung und vermittelt: Ich darf in Ruhe in mich hineinhören, was mir heute guttut.
Unsere gemeinsame Zeit besteht aus zwei Tanzeinheiten, unterbrochen von einer kleinen Snack- und Trinkpause. Wir tanzen im Gruppenraum – einem Raum voller Dinge: Bücher, Spielzeuge, Kuscheltiere, Bastelmaterial. All das lädt zum Entdecken ein, fordert aber gleichzeitig viel an Selbstregulation (Selbstregulation heißt, sich selbst im Griff haben, also ruhig bleiben, nachdenken und passend handeln, anstatt sofort impulsiv zu reagieren) und Achtsamkeit.
Achtsamkeit im gemeinsamen Raum
Während der Tanzstunde gilt: Wer eine Pause braucht, darf sich hinsetzen, still beobachten oder einfach dem eigenen Atem lauschen. Wichtig ist mir dabei, dass in dieser Zeit Bücher und Spielzeug liegen bleiben. Warum? Äußere Reize – etwa lesende oder spielende Kinder an der Seite – verändern die Energie und Konzentration im Raum.
Sie holen die Aufmerksamkeit der Tanzenden aus dem gemeinsamen Bewegungsfluss und machen es schwer, dass es im Raum ruhig bleibt.
Ich beobachte jedoch immer wieder, wie schwer es manchen Kindern fällt, diesen
Impulsen zu widerstehen. Trotz klarer Strukturen suchen sie intuitiv nach Möglichkeiten, in eine andere Welt einzutauchen, oft in Form eines Buches. Sie sitzen ruhig, blättern für sich und versinken in den Bildern. Dabei geschieht etwas Wertvolles: Sie regulieren ihr System, werden ruhiger, sammeln sich. In solchen Momenten geht es weniger um Beschäftigung, sondern vielmehr um einen inneren Rückzugsort, einen Moment der Selbstverortung, wo der eigene Körper im Raum ist, wie er sich anfühlt und wie er sich bewegt, also die Fähigkeit, sich körperlich und räumlich zu orientieren und zu spüren.
Zwischen Struktur und Bedürfnis
Zu Beginn fiel es mir schwer, den Kindern zu erlauben, während der Tanzzeit in einer selbstgewählten Pause ein Buch zur Hand zu nehmen. Ich befürchtete, dass dies den Ablauf in der Gruppe stören könnte und tatsächlich geschah das auch. Einige Kinder, die weiter tanzten, fühlten sich abgelenkt und setzten sich ebenfalls mit einem Buch an den Rand.
Also gingen wir gemeinsam ins Gespräch: Wie können wir es schaffen, dass jede*r das bekommt, was er oder sie braucht: Ruhe, Bewegung, Konzentration und die anderen ungestört weiter das tun können, was sie vorher schon gemacht haben?
In diesem Dialog wurde deutlich: Hinter dem Verhalten steckt kein Widerstand, sondern ein echtes Bedürfnis nach Selbstregulation – nach einem kurzen „Ausblenden“ der äußeren Reize, ohne den Raum verlassen zu müssen. Die Kinder möchten gleichzeitig Teil der Gruppe und bei sich bleiben.
Ich kann heute sagen: In solchen Momenten wird ein Buch nicht zum Lesen im eigentlichen Sinne genutzt, sondern dient als Brücke zwischen Bewegung und Ruhe, zwischen Außen- und Innenwelt.
Die pädagogische Herausforderung bleibt, diese Balance zu halten – den Tanzraum lebendig und offen zu gestalten, und zugleich individuelle Rückzugsräume bzw. Rückzugsmomente innerhalb der Gruppe im selben Raum zu ermöglichen.
Beim Lernen geht es auch darum, sich selbst und seinen Platz in der Welt zu verstehen. Kinder brauchen Möglichkeiten, ihren Platz sowohl in der Gemeinschaft und in Bewegung als auch in der Ruhe und bei sich selbst zu finden.
Als Pädagog*innen sind wir gefordert, diese Prozesse feinfühlig zu begleiten, Strukturen zu geben, ohne zu begrenzen, und Freiräume zu schaffen, ohne die Gruppe aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Wenn Kinder erfahren, dass sie selbst entscheiden dürfen, wann sie aktiv sind und wann sie Ruhe brauchen, stärkt das ihr Körpergefühl und ihr Vertrauen in sich selbst. Dieses innere Gefühl von Orientierung beginnt im Körper und wächst in der Beziehung zu anderen.
Mit diesem Gedanken erlaube ich diese Buchauszeiten nun öfter und bleibe weiterhin in der Beobachtung. Ich blicke bei den Kindern neugierig auf den Prozess der inneren Orientierung – ein Sich-Einfinden in die eigene Befindlichkeit, um von dort aus wieder in Beziehung zur Gruppe und zur Welt zu gehen.
Als Tanzpädagogin, Psychomotorikerin und genaue Beobachterin gründete ich 2008 „KiTanz“. Seit vielen Jahren bin ich zusätzlich als Dozentin in der Erwachsenenbildung zu verschiedenen (früh-)pädagogischen somatischen / tänzerischen Themen tätig. Pädagogischen Fachkräften möchte ich zeigen, wo und wie sie im beruflichen Alltag Bewegung nutzen können, um pädagogische Ziele zu erreichen und eine ausgeglichene Atmosphäre zu schaffen.
Sehr gern unterstütze ich Sie auch in Ihrer Arbeit mit Kindern.
Deine Bildungsexpertin Theresa Diehl
Literatur:
„Euch nervt’s – für mich ist es sinnvoll“: Neue Blickwinkel für schwierige Verhaltensweisen von wahrnehmungsbesonderen Kindern von Andreas Heimer
„Alle Kinder tanzen gern. Wie Tanzen Kinder fördert und erfüllt“ von Katja Schneider
„Machtgeschichten: Ein Fortbildungsbuch zu Adultismus für Kita, Grundschule und Familie“ von Anne Sophie Winkelmann