Freispiel als Lernzeit: Lernen durch eigenes Tun
Kinder lernen sich und die Welt nicht nur durch Angebote und Impulse von uns Erwachsenen kennen, sondern durch eigene Erfahrungen. Das Freispiel bietet ihnen den Raum, Dinge selbst herauszufinden, Zusammenhänge zu erkennen und Lösungen dafür zu entwickeln.
Wenn ein Kind zum Beispiel einen Turm mit Bauklötzen baut, beschäftigt es sich nicht ausschließlich nur mit dem Spielzeug. Es setzt sich automatisch auch mit den physikalischen Eigenschaften und Fragen, wie „Warum fällt der Turm um?“, „Welcher Baustein muss nach unten?“, „Wie kann ich den Turm stabiler bauen?“ auseinander. Dadurch plant, überprüft, verändert und beginnt das Kind vielleicht mehrmals von vorne – und genau darin liegen wichtige Lernprozesse, denn auch das Scheitern und Neuanfangen gehört dazu. Wenn wie in diesem aufgeführten Beispiel, der Turm einstürzt oder in einem anderen Fall eine Spielidee nicht umsetzbar ist, erleben Kinder, dass Fehler dazugehören und ein Teil des Lernens bzw. des Fortschritts sind. Und zusätzlich entwickeln sie durch das Dranbleiben an der Aufgabe auch stärkere Selbstwirksamkeit. Neben dem Problemlösen werden im Freispiel auch weitere Kompetenzen, wie Sprache, logisches Denken, Motorik, Selbstbestimmung gefördert.
Sprache und Kommunikation
Im gemeinsamen Spiel entstehen viele verschiedene Sprachanlässe, indem Kinder ihre eigenen Ideen erklären, Rollen verhandeln und Spiele entwickeln. Im Rollenspiel beispielsweise entstehen ganze Welten:
- Im Kaufladen sprechen die Kinder über Preise und Produkte
- Beim Rollenspiel entstehen verschiedenste Dialoge, wie zum Beispiel, dass man beim Arzt eine Spritze bekommt
- …
Solche und viele weitere Situationen fördern bei den Kindern die Entwicklung des Wortschatzes, der Ausdrucksfähigkeit und die Fähigkeiten miteinander zu kommunizieren. Im Freispiel wird die Sprachentwicklung der Kinder auf natürliche Weise gefördert. Kinder sprechen miteinander, erklären ihre Ideen, stellen Fragen oder übernehmen Rollen in Fantasiespielen. Dabei erweitern sie ihren Wortschatz und üben, sich verständlich auszudrücken. Auch das Zuhören und Verstehen anderer wird im gemeinsamen Spiel trainiert. Somit trägt das Freispiel wesentlich zur sprachlichen Bildung bei.
Motorische Entwicklung
Freispiel bedeutet zudem vielfältige Möglichkeiten für die körperliche Entwicklung im Sinne der Grob- und Feinmotorik, welche Kinder beim Klettern, Konstruieren, Malen, Schneiden, Basteln, usw. trainieren. Kinder verbessern dabei unter anderem ihre Körperkoordination, trainieren ihre Geschicklichkeit und entwickeln Kraft bzw. Gleichgewicht. Besonders wertvoll ist, dass sie den Schwierigkeitsgrad selbst bestimmen können und dadurch genau das ausprobieren können, was dem eigenen aktuellen Entwicklungsstand entspricht.
Soziales Lernen
Im gemeinsamen Spiel sammeln die Kinder wichtige soziale Erfahrungen und entwickeln ihre sozialen Kompetenzen kontinuierlich weiter. Sie lernen, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten, Beziehungen aufzubauen und sich als Teil einer Gruppe wahrzunehmen. Gemeinsam einigen sie sich auf Spielregeln, halten diese ein und übernehmen Verantwortung für deren Umsetzung. Während des Spielens entstehen immer wieder Situationen, in denen die Kinder Konflikte – beispielsweise um Materialien, Spielideen oder Rollen – selbstständig oder mit Unterstützung lösen. Dabei üben sie, ihre Bedürfnisse und Meinungen angemessen zu äußern, anderen zuzuhören und Kompromisse einzugehen.
Darüber hinaus lernen die Kinder, Rücksicht aufeinander zu nehmen, sich gegenseitig zu helfen und miteinander zu teilen. Sie erleben, wie wichtig Kooperation für ein gelingendes Miteinander ist, etwa beim Verteilen oder Akzeptieren von Rollen im Rollenspiel. Durch diese Erfahrungen entwickeln sie Empathie, Toleranz, Kommunikationsfähigkeit sowie die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen und zu respektieren. So stärkt das gemeinsame Spiel nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern auch das Selbstvertrauen und die soziale Verantwortung jedes einzelnen Kindes.
Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit
Einer der großen Unterschiede zwischen angeleiteten Angeboten und dem Freispiel liegt in der Entscheidungsmöglichkeit des Kindes. Es entscheidet: „Was möchte ich spielen?“, „Welches Material möchte ich verwenden?“, „Möchte ich alleine oder mit anderen zusammen spielen?“. Dadurch lernen sie, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Sie üben, Probleme eigenständig zu lösen und ihren Spielalltag selbst zu gestalten. Diese Erfahrungen stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und unterstützen die Entwicklung zu selbstständigen Persönlichkeiten.
Diese Entscheidungsmöglichkeit mag uns Erwachsenen manchmal vielleicht klein erscheinen, aber für die Kinder ist diese von großer Bedeutung, da sie aktiv erleben, dass ihre eigenen Interessen zählen und ihre Ideen einen hohen Wert haben. Im Freispiel erleben Kinder, dass ihr eigenes Handeln etwas bewirken kann. Sie entwickeln Ideen, setzen diese um und erkennen die Ergebnisse ihrer Entscheidungen. Wenn ein Kind beispielsweise einen Turm baut, ein Rollenspiel organisiert oder einen Konflikt selbst löst, erfährt es, dass es Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen kann.
Eine Kita, die Freispiel ernst nimmt, fragt deshalb nicht nur: „Was sollen Kinder lernen?“, sondern auch: „Was interessiert Kinder gerade? Welche Fragen bringen sie mit?“. Denn nachhaltiges Lernen entsteht häufig dort, wo persönliche Bedeutung vorhanden ist.
Zwischen Zurückhaltung und Unterstützung: Die pädagogische Rolle im Freispiel
Der/die Pädagoge/in nimmt zentrale, aber oft verschiedene indirekte Rollen ein:
Als Beobachter/in ist die Fachkraft zurückhaltend und aufmerksam. Sie beobachtet die Kinder dabei, wie sie spielen, kommunizieren, Konflikte lösen und eigene Ideen entwickeln. Durch diese Beobachtungen erkennt sie Interessen, Bedürfnisse, Stärken und mögliche Unterstützungsbedarfe der Kinder. Die Beobachtungen dienen außerdem als Grundlage für die pädagogische Planung, Entwicklungsdokumentation und individuelle Förderung. Dabei greift die Fachkraft nicht sofort ein, sondern gibt den Kindern Raum für eigene Erfahrungen und Lösungswege.
In der Rolle des/r Impulsgebers/in unterstützt die Fachkraft die Kinder dabei, neue Ideen zu entwickeln und ihr Spiel zu erweitern. Sie setzt gezielte Anregungen, stellt Materialien bereit oder stellt offene Fragen, die zum Nachdenken und Weiterführen des Spiels anregen. Dabei achtet sie darauf, die Eigeninitiative der Kinder nicht zu übernehmen, sondern das Spiel behutsam zu bereichern. Durch kleine Impulse können neue Lernprozesse entstehen und die Kreativität der Kinder gefördert werden.
Außerdem versteht sich die pädagogische Fachkraft als Begleiter/in der Kinder im Freispiel. Sie begleitet sie aufmerksam, hört zu, gibt Sicherheit und unterstützt sie bei Bedarf im sozialen Miteinander. Bei Konflikten oder Unsicherheiten hilft sie den Kindern, eigene Lösungen zu entwickeln und ihre Gefühle auszudrücken. Dadurch fördert sie Selbstständigkeit und Selbstvertrauen.
Als Schutzgeber/in sorgt der/die Pädagoge/in dafür, dass sich die Kinder im Freispiel sicher und geborgen fühlen. Sie achtet auf die Einhaltung von Regeln, schützt vor Gefahren und greift ein, wenn Kinder ausgegrenzt, verletzt oder überfordert werden. Gleichzeitig schafft sie eine Atmosphäre von Vertrauen, Respekt und Wertschätzung. Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, sich frei zu entfalten, ohne Angst oder Unsicherheit erleben zu müssen.
Ein häufiges Missverständnis besteht oft darin, dass Freispiel bedeuten würde, dass sich die pädagogischen Fachkräfte zurückziehen und „nichts tun“. Tatsächlich ist gutes, wertvolles Freispiel eine anspruchsvolle pädagogische Arbeit. Die Rolle bzw. Aufgabe der Fachkraft verändert sich in diesen Phasen dahingehend, dass sie weniger im Mittelpunkt des Geschehens steht und verschiedene Rollen einnimmt.
Warum Langeweile dazugehört: Kreativität braucht Freiräume
In einer stark strukturierten Welt fällt es vielen Erwachsenen schwer, Langeweile auszuhalten. Auch im Kita-Alltag entsteht manchmal der Wunsch, jede freie Minute mit Angeboten zu füllen. Doch Langeweile ist nicht per se negativ.
Wenn Kinder nicht sofort eine fertige Beschäftigung bekommen, beginnt ein wichtiger Denkprozess:
- „Was könnte ich machen?“
- „Worauf habe ich Lust?“
- „Welche Idee könnte entstehen?“
Diese Momente können der Ausgangspunkt für Kreativität sein. Kinder entwickeln eigene Bedeutungen und erschaffen neue Spielwelten. Dafür brauchen sie Zeit und offene Räume. Produktive Langeweile bedeutet nicht, dass Kinder unterfordert sind. Sie bedeutet, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, eigene Impulse zu entwickeln. Denn das Freispiel bietet Kindern viele Möglichkeiten, ihre Fantasie und Kreativität auszuleben. Ohne feste Vorgaben können sie eigene Spielideen entwickeln, Rollen erfinden und Gegenstände auf unterschiedliche Weise nutzen. Ein einfacher Karton kann beispielsweise zu einem Auto, einem Haus oder einem Schiff werden. Durch solche kreativen Prozesse lernen Kinder, flexibel zu denken und eigene Vorstellungen umzusetzen. Gleichzeitig fördert das freie Spiel die Freude am Experimentieren und Entdecken.
Wie kann eine Kita Freispiel wirklich ermöglichen?
Damit Freispiel seinen Wert entfalten kann, braucht es mehr als eine freie Zeit im Tagesablauf. Es gibt verschiedene Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, auf welche geachtet werden muss.
Zeit
Kinder benötigen genügend Zeit, um ins Spiel zu finden, Ideen zu entwickeln und Spielprozesse zu vertiefen. Häufige Unterbrechungen stören den Spielfluss und die Konzentration. Längere Freispielphasen ermöglichen intensives Lernen, Kreativität und soziale Erfahrungen.
Räume
Die Raumgestaltung hat großen Einfluss auf das Spielverhalten der Kinder. Gut strukturierte und ansprechend gestaltete Räume laden zum Entdecken, Bewegen, Forschen und Rollenspiel ein. Unterschiedliche Spielbereiche fördern verschiedene Interessen und Entwicklungsbereiche.
Materialien
Kinder sollten Materialien selbstständig erreichen und auswählen können. Offene Regale und vielfältige Spielmaterialien fördern Eigeninitiative, Kreativität und selbstbestimmtes Handeln. Unterschiedliche Materialien regen Fantasie und individuelles Lernen an.
Klare Regeln
Freispiel braucht einen sicheren Rahmen. Verständliche und gemeinsam entwickelte Regeln geben Orientierung und helfen beim sozialen Miteinander. Kinder lernen dadurch Verantwortung, Rücksichtnahme und einen respektvollen Umgang miteinander.
Verlässliche Struktur
Ein klarer Tagesablauf mit wiederkehrenden Ritualen vermittelt Sicherheit und Vertrauen. Kinder können sich besser orientieren und fühlen sich emotional stabil. Eine verlässliche Struktur schafft die Grundlage dafür, dass Kinder frei und unbeschwert spielen können.
Wertschätzende Atmosphäre
Kinder brauchen eine Umgebung, in der sie sich ernst genommen und sicher fühlen. Eine wertschätzende Haltung der Fachkräfte stärkt das Selbstvertrauen und unterstützt die emotionale Entwicklung. In einer positiven Atmosphäre trauen sich Kinder, Neues auszuprobieren und eigene Ideen einzubringen.
Fazit: Freispiel ist Bildung mit eigenen Ideen
Freispiel ist weit mehr als eine Pause zwischen pädagogischen Angeboten. Es ist ein zentraler Bildungsraum, in dem Kinder ihre Fähigkeiten entwickeln, Beziehungen gestalten und die Welt verstehen lernen. Im freien Spiel zeigen Kinder, was sie beschäftigt, welche Fragen sie haben und welche Kompetenzen sie bereits besitzen.
Die Aufgabe der Kita besteht nicht darin, jede Minute mit Programm zu füllen. Sie besteht darin, Räume zu schaffen und genügend Zeit zu geben, in denen Kinder aktiv, neugierig und selbstwirksam sein können. Freispiel ist deshalb kein Leerlauf. Es ist die Zeit, in der Kinder auf ihre eigene Weise lernen.
Deine Patrizia Kaindl
Literatur:
- Fischer-Düvel, G; Held, N. (März 2024): Ich spiele, also lerne ich – Freispiel in der Kita sinnvoll begleiten.
- Füchtenschneider, C. (2022): Das Freispiel in der Kita. Lernen auf bestmögliche Art. Kindergarten heute.
- Herder (2022). Spielpädagogik – das freie Spiel und seine Bedeutung für Entwicklung des Kindes von 0-6 Jahren – Definition und Bedeutung des Spiels/des Spielens.
- Herder (2026). Freispiel im Kindergarten.
- Kita Kinderzimmer Hamburg (2025). Aufgerufen unter: https://www.kita-kinderzimmer.de/glossar/freispiel/.
- Schmelzeisen-Hagemann, S. (2021). Professionelles Handeln pädagogischer Fachkräfte im Kindergarten. Handlungsempfehlungen zur Analyse und Erweiterung der Interaktionskompetenz im „Freispiel“.
- Tietze, W. et al. (2016): Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. verlag das netz.
- Viernickel, S.; Völkel, P. (2022): Beobachten und Dokumentieren im pädagogischen Alltag. Herder Verlag.