Adventszeit – Bastelzeit

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Ein offener Brief an Erzieherinnen

Wir stecken schon wieder mittendrin in den Vorbereitungen für die Adventszeit.
Advent, Weihnachten – die schönste Zeit des Jahres. Jetzt wird es ruhig und besinnlich. Ist es wirklich so?

In den letzten Tagen höre ich in den Kitas immer wieder „die stressigste Zeit des Jahres“: Adventskalender vorbereiten, Advents- Basteln mit Eltern, Plätzchen backen, schmücken, Weihnachtskaffee mit Eltern, Theaterstücke vorbereiten und dann noch das alljährliche Basteln der Weihnachtsgeschenke für Eltern! Was hat das alles mit Besinnlichkeit zu tun?

Was bastelt ihr mit den Kindern für die Eltern zu Weihnachten?

Seit Anfang Oktober finde ich in den Posts der Social Media Accounts fast täglich die Frage: „Was bastelt ihr mit den Kindern für die Eltern zu Weihnachten?“ Auch in den Kita-Team ist es in den Pausen meiner Seminare immer wieder Thema unter den Kolleginnen. Das hat mich nun dazu gebracht, einfach mal ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben.

Gleich einmal vorweg: Ich liebe Weihnachten mit all den schönen Traditionen und Stimmungen! Aber was ist daraus geworden? Was haben wir daraus gemacht? Wir fangen ernsthaft schon im Oktober damit an uns zu überlegen, was die Kinder den Eltern schenken sollen.

Als Referentin und Kita-Beraterin reise ich das ganze Jahr durch die Kitas um die Partizipation dort zu verankern, um mit dem pädagogischen Fachpersonal daran zu arbeiten, dass wir die Kinder endlich stärker mit einbeziehen in Entscheidungsprozesse, ihre Selbstständigkeit besser fördern können. Es ist nicht immer einfach, aber wir sind in vielen Einrichtungen auf einem guten Weg… bis zum Oktober!

Dann plötzlich erlebe ich, wie in den Teams ein Schalter umgestellt wird – von den Teams, in denen Partizipation eh nicht mehr als eine leere Worthülse ist, will ich hier gar nicht erst sprechen. Vergessen ist plötzlich der Gedanke der Mitbestimmung, der Freiwilligkeit und der Bedürfnisorientierung! Da müssen plötzlich alle Kinder für Mama und Papa ein Geschenk basteln – und das oft schon in der Krippe!

 

Jetzt mal ernsthaft:

Welches Kindergartenkind kommt von sich aus auf die Idee, den Eltern ein Weihnachtsgeschenk zu machen? Warum denn auch? In den meisten Familien schenken die Eltern ihren Kindern ja auch nichts zu Weihnachten, da kommt doch der Weihnachtsmann oder das Christkind und bringt die Geschenke! Natürlich sollen wir auch vermitteln, dass es schön ist „zu geben“, aber kann ich das nicht auch das ganze Jahr über machen? Macht es Sinn, das zu tun in einer Zeit in der „geben“, schenken sowieso inflationär behandelt wird, in der es zu einem gesellschaftlichen Zwang ausgeartet ist? Ja – Kinder sind durchaus auch glücklich und stolz, wenn sie Mama oder Papa etwas schenken, was sie selbstgemacht haben, aber auch das können wir das ganze Jahr über mit oder bei Kindern erleben.

Weihnachtsgeschenke in der Kita oder Krippe basteln, bedeutet in der Regel: jedes Kind bastelt und schenkt damit das selbe. Ist das bedürfnisorientiert? Verschenken wir auch an jeden das selbe Geschenk?

Würden wir auch auf das Basteln von Weihnachtsgeschenken bestehen, wenn alle 15 Kinder in der Gruppe etwas anderes schenken wollen? Welchen Wert hat das Schenken, wenn es nicht individuell ist?

Uns was ist mit dem Prinzip der Freiwilligkeit? Was, wenn ein Kind keine Lust hat zu basteln? Was macht das mit den Eltern, die vielleicht als einzige nichts von Kind bekommen?

 

Haben wir uns das gut überlegt?

Liebe Pädagoginnen, ich bin nicht gegen Weihnachten, nicht gegen das Schenken und nicht gehen das Basteln, aber ich bitte einfach mal zu überdenken, was wir da machen. Profilieren wir uns hier auf Kosten der Kinder? Verlieren wir hier unsre pädagogischen Grundsätze zur Partizipation? Schaffen wir es an dieser Stelle nicht uns von alten Traditionen zu Gunsten guter Pädagogik zu trennen?

Wir Pädagoginnen sind diejenigen, die Kindern einen neuen Weg aufzeigen können. Wie wäre es, wenn wir sie daran bestärken, Weihnachten wieder als das wahrzunehmen, was es ursprünglich einmal war – kein Geschenke-Austausch-Event, sondern ein Fest der Liebe. Wäre es nicht schön, sich die letzen Wochen des Jahres Zeit zu nehmen, zu genießen, Kerzenlichter zu betrachten und zu träumen, Plätzchen zu knabbern, Kakao zu trinken und dabei Geschichten oder Märchen zu erzählen, Bilderbücher anschauen, kuscheln und einfach füreinander da sein… Die Adventszeit ist die besinnlichste, leiseste, entspannteste und friedvollste Zeit des Jahres. Lasst sie uns wieder dazu machen. Ihr könnt sie dazu machen!

Einen Shitstorm auf diesen Artikel – weil die Kinder so gerne basteln, so stolz beim Schenken sind oder es bei euch doch alles ganz anders und stressfreier zugeht – könnt ihr euch sparen. Wer sich durch diesen Artikel angegriffen fühlt, sollte in sich gehen und fragen „warum“.

Auch ist das, was ich hier schreibe, nicht einfach nur persönliche Meinung, sondern Wissen um gute zeitgemäße, demokratische Erziehung. Partizipation – auch zur Weihnachtszeit – ist keine persönliche Entscheidung, die wir treffen können, kein neumodischer pädagogischer Firlefanz oder ein Konzept für oder gegen das man sich entscheiden kann. Partizipation ist ein gesetzlich verankertes Recht von Kindern und eine Grundvoraussetzung für die Betriebserlaubnis jeder Kita und Tagespflege. Sie ist einer der Schlüssel zur Demokratie!

Ich versuche in den nächsten Wochen viel Zeit und Liebe zu verschenken, denn davon benötigen wir so viel!
Ich wünsche euch eine entspannte und stressfrei Adventszeit mit euren Kindern und Kolleginnen und hoffentlich mehr Frieden auf der Welt ????

Du willst mehr zum Thema Partizipation wissen? Dann buch mich gern für eine Fortbildung.

Deine Bildungsexpertin

Caren Leonhard

Literatur

Co-Autorin: Bildungsexperten (Hrsg.) (2024): Wie Partizipation in Bildungseinrichtungen gelingen kann: Partizipatives Arbeiten in Kita und Schule.

3 Antworten

  1. tja, das ist das Problem .
    da ist die Erwartungshaltung der Eltern, des Trägers, der Kollegen.
    Weihnachten ist Geschenkezeit. überall wird gewichtelt(Zettelchen ziehen, ob man will oder nicht), Ideen getauscht(natürlich im Team, seltenst mit den Kindern)was gebastelt wird, wie geschmückt wird, welche Aufführung es gibt, wer mit wem Plätzchen backt.
    spricht man das im Team an, jammern alle wegen des Stresses, weil’s an den Kindern vorbei geht, über diese Wahnsinns Erwartungshaltung.

    halt man dagegen,wehrt man sich, ist man schnell „raus“.
    da fangen Kollegen an“ du spinnst ja, das war schon immer so“ „was ist Weihnachten ohne Geschenke““ was sollen wir den Eltern sagen“ usw.
    auch die Eltern überschlagen sich mit den Präsenten für die Kollegen.
    jede Diskussion wird zerschlagen, da kommt man einfach nicht gegen an.

  2. Ich freue mich stets auf den Dezember, denn ich empfinde die Adventszeit als jene Zeit, die sie sein sollte: die des Staunens über kleine Wunder, die der Besinnlichkeit und sich verzaubern lassen. Die Weihnachtsgeschichte verändert sich nicht und muss auch nicht jedes Jahr anders erzählt werden, Vorbereitungszeit somit quasi nicht nötig. Der tägliche Adventskreis darf besucht werden, wer lieber spielen mag, soll das tun. So kehrt automatisch mehr Ruhe ein und jeder genießt, was er lieber mag. Unsere Bastelangebote sind Angebote! Wer im Freispiel Lust hat, nutzt die Zeit dafür. Wir machen viel Musik, singen und hören WeihnachtsCDs, es gibt viel mehr Interesse an Bilderbüchern und wo sonst genau dafür die Zeit fehlt, finden sich genau dafür viele Momente im Alltag. Elterngeschenke sind bei uns auch Inhalt – aus mehreren Ideen von uns erstellt, können die Kinder wählen. Wer nicht mag, mag nicht. Das lässt sich Eltern gegenüber auch kommunizieren, ohne dass sie enttäuscht sind. Wir naschen Plätzchen, die mit viel Begeisterung gebacken werden. Die Vorfreude auf den Besuch des Bischof Nikolaus ist bei uns auch immer sehr groß.

    Der Nikolausbrief liegt das ganze Jahr in einer bestimmten Ablage, muss nur kurz kopiert werden. Größere Aktionen klingen toll, aber in der Realität sind sie nur Stress – lassen wir inzwischen sein.
    Das, was bei mir Zeit kostet, ist die Deko im Gruppenraum und der Garderobe. Weil ich das gerne mag, nutze ich dafür meine Freizeit und tobe mich aus. Und die staunenden Augen sind diese Mühe wert! Und die Kinder benennen es sehr deutlich: „Du hast es so schön für uns gemacht!“.

    Ich freue mich schon sehr auf unseren ersten Adventskreis in der Gruppe morgen! ♡

    Es geht auch anders.
    Wenn man es vorlebt, trauen sich oft auch Kolleginnen, sich Stress zu ersparen.

    Was in dieser Zeit nur unglaublich anstrengend ist, sind die vielen Erkrankungen auch im Team. Aber zumindest sind die Inhalte normalerweise in der Weihnachtszeit so klar, dass immerhin das unkompliziert ist!

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3 Antworten

  1. tja, das ist das Problem .
    da ist die Erwartungshaltung der Eltern, des Trägers, der Kollegen.
    Weihnachten ist Geschenkezeit. überall wird gewichtelt(Zettelchen ziehen, ob man will oder nicht), Ideen getauscht(natürlich im Team, seltenst mit den Kindern)was gebastelt wird, wie geschmückt wird, welche Aufführung es gibt, wer mit wem Plätzchen backt.
    spricht man das im Team an, jammern alle wegen des Stresses, weil’s an den Kindern vorbei geht, über diese Wahnsinns Erwartungshaltung.

    halt man dagegen,wehrt man sich, ist man schnell „raus“.
    da fangen Kollegen an“ du spinnst ja, das war schon immer so“ „was ist Weihnachten ohne Geschenke““ was sollen wir den Eltern sagen“ usw.
    auch die Eltern überschlagen sich mit den Präsenten für die Kollegen.
    jede Diskussion wird zerschlagen, da kommt man einfach nicht gegen an.

  2. Ich freue mich stets auf den Dezember, denn ich empfinde die Adventszeit als jene Zeit, die sie sein sollte: die des Staunens über kleine Wunder, die der Besinnlichkeit und sich verzaubern lassen. Die Weihnachtsgeschichte verändert sich nicht und muss auch nicht jedes Jahr anders erzählt werden, Vorbereitungszeit somit quasi nicht nötig. Der tägliche Adventskreis darf besucht werden, wer lieber spielen mag, soll das tun. So kehrt automatisch mehr Ruhe ein und jeder genießt, was er lieber mag. Unsere Bastelangebote sind Angebote! Wer im Freispiel Lust hat, nutzt die Zeit dafür. Wir machen viel Musik, singen und hören WeihnachtsCDs, es gibt viel mehr Interesse an Bilderbüchern und wo sonst genau dafür die Zeit fehlt, finden sich genau dafür viele Momente im Alltag. Elterngeschenke sind bei uns auch Inhalt – aus mehreren Ideen von uns erstellt, können die Kinder wählen. Wer nicht mag, mag nicht. Das lässt sich Eltern gegenüber auch kommunizieren, ohne dass sie enttäuscht sind. Wir naschen Plätzchen, die mit viel Begeisterung gebacken werden. Die Vorfreude auf den Besuch des Bischof Nikolaus ist bei uns auch immer sehr groß.

    Der Nikolausbrief liegt das ganze Jahr in einer bestimmten Ablage, muss nur kurz kopiert werden. Größere Aktionen klingen toll, aber in der Realität sind sie nur Stress – lassen wir inzwischen sein.
    Das, was bei mir Zeit kostet, ist die Deko im Gruppenraum und der Garderobe. Weil ich das gerne mag, nutze ich dafür meine Freizeit und tobe mich aus. Und die staunenden Augen sind diese Mühe wert! Und die Kinder benennen es sehr deutlich: „Du hast es so schön für uns gemacht!“.

    Ich freue mich schon sehr auf unseren ersten Adventskreis in der Gruppe morgen! ♡

    Es geht auch anders.
    Wenn man es vorlebt, trauen sich oft auch Kolleginnen, sich Stress zu ersparen.

    Was in dieser Zeit nur unglaublich anstrengend ist, sind die vielen Erkrankungen auch im Team. Aber zumindest sind die Inhalte normalerweise in der Weihnachtszeit so klar, dass immerhin das unkompliziert ist!

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