Feedback – ob Lob oder Kritik – kann jederzeit geäußert werden. Gerade das Internet mit seinen Social-Media-Plattformen bietet vielfältige Räume und Möglichkeiten dafür. Selbst in der Forschung haben sich inzwischen transdisziplinäre und partizipative Ansätze etabliert: Wissenschaftlerinnen arbeiten gemeinsam mit Menschen aus der Praxis und der freien Wirtschaft. Forschung findet nicht mehr nur im „Elfenbeinturm“ statt. Bürgerräte beraten Politikerinnen, Expert*innenausschüsse liefern fundierte Einschätzungen und Bürgerentscheide ermöglichen gelebte Basisdemokratie.
Doch Demokratie und Partizipation erfordern vor allem eines: eine Haltung der Vielfalt. Nur wenn ich andere Perspektiven und Meinungen aushalten und akzeptieren kann, wenn ich bereit bin, mich auf faire Auseinandersetzungen einzulassen, kann ich Demokratie wirklich leben. Fachlich spricht man hier von Ambiguitätstoleranz – der Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen auszuhalten.
Demokratisches Handeln setzt verschiedene Kompetenzen voraus:
Urteilsfähigkeit ermöglicht es, Informationen kritisch zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Kritikfähigkeit verlangt Offenheit gegenüber anderen Sichtweisen und die Bereitschaft, die eigene Position zu hinterfragen. Kommunikationsfähigkeit ist notwendig, um sachlich zu diskutieren und anderen zuzuhören. Kompromissfähigkeit wird dann entscheidend, wenn keine vollständige Einigkeit besteht. Toleranz bildet die Grundlage für einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Lebensweisen und Kulturen. Verantwortungsbewusstsein zeigt sich im gesellschaftlichen Engagement und in der aktiven Teilhabe, etwa durch Wahlen. Und nicht zuletzt braucht es Medienkompetenz, um Informationen einordnen und reflektiert nutzen zu können.
All diese Fähigkeiten sind essenziell, um Demokratie aktiv zu leben – doch sie sind nicht angeboren. Zwar vermitteln Schulen Wissen über politische Systeme und Strukturen, doch die dafür notwendigen Kompetenzen müssen erlernt und eingeübt werden. Genau hier setzt die Demokratiebildung in der frühen Bildung an.
Kinderkrippen und Kindergärten spielen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Kinder frühzeitig an Partizipation im Alltag heranzuführen. Demokratische Grundlagen bilden das Fundament unserer Gesellschaft – und dieses Fundament beginnt bereits in der frühen Kindheit. Kinder werden ernst genommen und erfahren, dass ihre Stimme zählt.
Dennoch begegnet man im pädagogischen Alltag immer wieder Vorbehalten. Aussagen wie: „Dann steigen mir die Kinder noch auf’s Dach“ oder „Sollen sie jetzt alles bestimmen?“ sind keine Seltenheit. Auch die Frage nach der zeitlichen Umsetzbarkeit von Mitbestimmung im Kindergarten wird häufig gestellt.
Dabei ist zunächst wichtig zu betonen: Partizipation bedeutet nicht den Verlust von Autorität. Vielmehr lernen Kinder, selbstständig zu denken und eigene Perspektiven zu entwickeln. Entscheidend ist, dass sich Partizipation bei Kindern stets am Alter, Entwicklungsstand und an der Einsichtsfähigkeit orientiert. Kinder können und sollen nur in Angelegenheiten mitbestimmen, die sie unmittelbar betreffen.
Entgegen vieler Befürchtungen entlastet Partizipation sogar den Alltag. Kinder übernehmen Verantwortung: Sie gestalten ihr Portfolio eigenständig, wählen passende Fotos aus oder decken den Frühstückstisch. Kinder zu beteiligen bedeutet nicht Kontrollverlust – sondern geteilte Verantwortung.
Die Frage nach der Zeit bleibt dennoch bestehen. Und ja: Demokratie braucht Zeit. Es geht oft schneller, wenn Fachkräfte allein entscheiden – etwa bei der Auswahl eines Films oder bei der Planung eines Buffets. Doch langfristig lohnt es sich, diese Zeit bewusst zu investieren. Es ist eine Frage der Prioritätensetzung: Nehme ich mir die Zeit für Beteiligung, weil sie mir wichtig ist?
Damit Partizipation in der Kita gelingen kann, braucht es eine ressourcen- und bedürfnisorientierte Haltung im gesamten Team. Selbstreflexion ist dabei unerlässlich – das eigene Handeln muss kontinuierlich hinterfragt werden. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, sondern entwickelt sich stetig weiter.
Teams sollten gemeinsam Ziele und Meilensteine definieren. Eine regelmäßige Evaluation hilft, den eingeschlagenen Weg zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Letztlich beginnt echte Demokratiebildung immer bei einem selbst. Partizipation ist kein Zusatzangebot, sondern ein zentraler Bildungsauftrag und ein wesentlicher Qualitätsstandard frühpädagogischer Einrichtungen.
Kinder lernen vor allem durch Vorbilder. Das Konzept des „Lernens am Modell“ nach Bandura verdeutlicht, wie entscheidend es ist, dass Erwachsene demokratische Werte im Alltag und in der Teamkultur vorleben. Demokratie muss erfahrbar sein.
Natürlich kostet dieser Weg Kraft, Zeit und Energie. Doch er lohnt sich – für alle Beteiligten.
Ein anschauliches Beispiel aus der Praxis: Viele Fachkräfte empfinden das jährliche Laternenbasteln zu St. Martin als Belastung. Eine Kollegin berichtete erschöpft, sie habe keine Motivation mehr, erneut 130 Laternen zu basteln. Die Lösung war ebenso einfach wie wirkungsvoll: die Einführung eines Eltern-Cafés. Eltern wurden eingeladen, gemeinsam mit ihren Kindern die Laternen zu gestalten. Die Fachkräfte stellten Materialien, Kekse und Kaffee bereit – mehr nicht.
Das Ergebnis: Entlastung für das Team, wertvolle gemeinsame Zeit für Eltern und Kinder und eine durchweg positive Atmosphäre. Eine echte Win-Win-Situation – und ein gelungenes Beispiel für gelebte Partizipation im Kita-Alltag.
Ihr Bildungsexperte: Heinrich Wood
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Mein gesamtes Portfolio findest du hier auf dieser Seite
Literatur:
Bandura, A. (1977). Social Learning Theory. Prentice-Hall.
Joachim Detjen, J. (2002). Die Demokratiekompetenz der Bürger. Aus Politik und Zeitgeschichte, 52(45),3-11
Michael May, M. (2007). Demokratiefähigkeit und Bürgerkompetenzen. Springer VS