Ehrlichkeit zu Ostern

Ilka Köhler

Ilka Köhler Bildungsexperten Ostern Werte

Ein offener Brief an Pädagogen und Eltern

Ostern steht vor der Tür und vielerorts werden die Geschichten rund um den Osterhasen erzählt, der bunte Eier bemalt und sie für die Kinder versteckt. Inzwischen muss der Osterhase manchmal ein besonders starker Hase sein, denn zu den Eiern gibt es Geschenke, die zunehmend größer und schwerer werden.
So sieht Ehrlichkeit zu Ostern aus…

Und all diese Lügen glauben uns die Kinder.

Was der Wert „Ehrlichkeit“ mit dem Osterhasen zu tun hat?

Hast du das auch schon mal gehört oder gedacht: Den heutigen Kindern fehlen Werte und Normen. Ja, es ist sogar vom Werteverfall und einer Entwertung der Gesellschaft die Rede. Wo soll uns das nur hinführen?

In meinen Seminaren beschäftigen wir uns immer wieder mit der Wertearbeit. Dabei ist einer der am häufigsten genannten Werte der pädagogischen Fachkräfte: die Ehrlichkeit.

Nun ist es bei Werten im Allgemeinen so, dass sie nicht klar definiert sind. Das liegt u.a. daran, dass es sich um unbestimmte Hauptwörter handelt. Jeder Mensch versteht etwas anderes darunter. Und den meisten fällt es zudem schwer, ihre gefühlte und gewusste Definition des Wertes selbst in Worte zu fassen. Im Gegenzug erwarten sie jedoch, dass ihr Gegenüber beim Hellsehkurs war und ganz genau weiß, was sie sich unter diesem Wert vorstellen.

Wenn ich dann frage, was die pädagogischen Fachkräfte unter dem Wert Ehrlichkeit verstehen bzw. wo für sie Ehrlichkeit anfängt und aufhört, höre ich häufig, dass man keine Lügen erzählen darf und nicht wissentlich die Unwahrheit erzählen soll. Darin sind sich die meisten einig. Aber spätestens, wenn es darum geht, wie ehrlich denn meine Meinung bitteschön sein darf, wie unbedingt mein Gegenüber diese Meinung wissen muss, oder ob es auch etwas mit Ehrlichkeit zu tun hat, wenn es den privaten Bereich betrifft, dann gehen die Meinungen häufig weit auseinander. Brutale Ehrlichkeit (brutal honesty) ist eben nicht jedermanns Sache.

Worin sich jedoch alle einig sind: Sie erwarten von Ihren Mitmenschen, der Leitung, den Kollegen und den Kindern Ehrlichkeit.

Wie ehrlich sind wir den Kindern gegenüber?

Allerdings erscheint es, dass Ehrlichkeit gerade den Kindern gegenüber oftmals eine Einbahnstrasse ist. Wie könnte man sonst erklären, dass wir ihnen die größten Lügengeschichten ihres Lebens auftischen? Und das während der Phase ihres Lebens, in der sie uns am meisten vertrauen. Wir lügen sie an und erzählen ihnen wissentlich Unwahrheiten vom Osterhasen, dem Weihnachtsmann, dem Nikolaus, dem Weihnachtswichtel oder der Zahnfee.

Immerhin sind das ja gesellschaftlich anerkannte Lügen und wir erzählen sie, weil es die Welt der Kinder so viel schöner macht (Wie war die Welt denn vor 300 Jahren, vor der Erfindung des Osterhasen?) und wir können uns dem ja sowieso nicht widersetzen, weil es schließlich überall so ist (Machen wir sonst auch bei allem mit, was gesellschaftlich vorgegeben wird, oder finden wir die Geschichten vielleicht auch selbst ein kleines bisschen gut?) und außerdem erwarten es ja die Eltern von uns (so so). 

Sind das wirklich Gründe, weshalb wir diese gesellschaftlichen Lügen nicht auch einmal hinterfragen sollten? Oder zumindest unseren Umgang mit und um den Wert Ehrlichkeit? Wie können wir ernsthaft Ehrlichkeit von Kindern erwarten, wenn wir sie ihnen von klein auf an vorenthalten. Was sagt das über unser Vorbildverhalten aus? Im englischen heißt es so schön: Do as I say – not as I do. (Mache was ich sage – nicht was ich tue.) Manchmal ist das schwerste an der Kindererziehung eben, sich selbst an die ganzen Regeln zu halten. 

Welche Auswirkungen kann unsere Unehrlichkeit haben?

Immer wieder kommt es ab einem bestimmten Alter, nämlich wenn die Kinder dahinter kommen, dass es den Osterhasen, Weihnachtsmann… doch nicht gibt, zu grossen Vertrauensbrüchen ihren Bezugspersonen gegenüber. Sie fühlen sich angelogen und wir Erwachsen sind uns häufig über den damit verursachten Vertrauensverlust nicht bewusst. Schlimmer noch, wir begleiten die Kinder in dieser Phase, in der sie entdecken, dass sie die ganze Zeit angelogen wurden, nicht adäquat und belächeln sie zum Teil sogar. Gleichzeitig erwarten wir im Gegenzug jedoch, dass sie uns weiterhin die Wahrheit sagen.

Und wenn ich dann in Einrichtungen komme und es um das Thema „Kreative (Herausforderndes) Verhalten von Kindern“ geht, höre ich Kommentare wie: „Da hat der uns schon wieder angelogen!“ oder „Die haut uns doch die Taschen voll!“

Selten wird dabei hinterfragt, was unser eigenes und unser gesamtgesellschaftliches Verhalten mit dem des Kindes zu tun hat, und welche Auswirkungen unsere jahrelangen Lügen auf die Kinder haben können.

Und nun?

Ich möchte damit nicht sagen, dass wir den Osterhasen oder den Weihnachtsmann komplett aus unserem Leben verbannen müssen. Sondern es geht um eine bewusste Entscheidung, wie wir damit umgehen. Auch ich liebe Ostern und Weihnachten und die Stimmung und freudige kindliche Aufregung dahinter.

Aber wir sollten dringend unsere Werte reflektieren und erkennen, wie einseitig und unhinterfragt wir sie verwenden. Schlimmer noch: Wir erwarten von anderen, dass sie sich an unsere Werte halten, obwohl wir es selbst nicht machen. Denn ist es nicht grotesk, von einem Kind etwas zu verlangen, was ich selbst als Erwachsener nicht zu tun in der Lage bin?

Das sollten wir bedenken, wenn wir mal wieder über ein Kind urteilen, welches in einer Traumwelt lebt oder uns eine beschönigte Wahrheit über häusliche Begebenheiten erzählt. Verständnis kommt vom Verstehen – und zunächst einmal sollte ich meinen eigenen Umgang mit dem Thema Ehrlichkeit überdenken, um dann besser verstehen zu können, wieso manche Kinder so handeln, wie sie es tun.

Und vielleicht mag ich sogar meine Herangehensweise an das Thema verändern, sodass ich für meine Wertevermittlung ein wahres Vorbild werde – nicht nur für die Kinder, sondern auch für Kollegen und Mitmenschen. Und wenn wir wirklich ehrlicher werden/sein wollen (wenn das einwichtiger Wert für uns ist), können wir auch weiterhin eingekuschelt Ostergeschichten vorlesen und den Kindern dazu beispielsweise erzählen, dass es sich bei Osterhasen und Weihnachtsmann um Märchenfiguren handelt – ebenso wie bei Riesen, Zwergen oder Drachen.


Ich wünsche dir eine wundervolle Osterzeit und viele eingekuschelte Vorlesestunden mit Ostergeschichten. 💝

Deine Bildungsexpertin

Ilka Köhler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert